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Hinter den Kulissen – oder die Melanietragödie!

Verglichen mit Gebäudefassade, Foyer und Korridor wirkt der Raum, in dem wir ankommen, wie ein Kurzurlaub in den Süden. Aus einer der Ecken lächeln Palmen, die Wände sind in einem unaufdringlichen Terrakotta-Farbton gehalten und aus den Lautsprechern plätschert leise Lounge-Musik. Die Luft im Raum ist knapp, wird zu ihrer Entschuldigung allerdings durch den Duft frischen Kaffees aromatisiert. Meine Sohlen hallen mit jedem Schritt. An der langen Seite des Raums steht eine lederne Sitzecke und auf dem hellgrauen Estrich liegt ein Set Leuchtelemente verteilt.
»Hallo ich bin die Melanie«, erhebt sich eine blonde Frau, die es sich in der Sitzecke an einem flachen Glastisch gemütlich gemacht hat und an einem dampfenden Kaffee nippt.
»Ja, das ist die Melanie«, knüpft Herr Öpsilon an. »Sie werden zusammen arbeiten, wenn es Ihnen passt.«
Wenn es mir passt? Das ist ja mal ein Arbeitsklima nach meinem Geschmack. Darf man sich hier ernsthaft aussuchen mit wem man arbeiten möchte? Auf die Idee hätte mal mein alter Chef kommen sollen – wäre für beide Seiten eine sehr angenehme Lösung gewesen.
»Hallo Diemelanie«, versuche ich locker aus der Hüfte zu kommen, »freut mich Sie kennen zu lernen. Ich bin Jonas Feist.« Sie kommt einen Schritt auf mich zu und reicht mir ihre Hand zur Begrüßung. Sie ist auffällig glatt. Palmolivgepflegt.
»Sag einfach du zu mir.«
»Okay gerne. Also freut es mich, dich kennen zu lernen«, wiederhole ich erneut. »Und für welchen Bereich bist du zuständig?«
»Sekretärin«, sagt sie mir lächelnd ins Gesicht.
Ich nicke anerkennend. Herr Öpsilon kommt nach kurzer Abwesenheit mit einem runden Tablett und Getränken zurück in den Raum. »Ooookay, wie ich sehe, seid ihr bereits dabei, euch bekannt zu machen.« Er setzt sich zu uns in den schweren Ledersessel. »Nun, Mr. Feist – da du ja schon Erfahrungen im Geschäft gesammelt hast, erzähle ich dir kurz, wie ich es mir vorstelle.« Er greift in eine schrumpelige Tasche und holt eine dünne Mappe heraus, die er wie einen Schatzplan vor uns auf dem Tisch aufschlägt.
»Folgendermaßen...« Dann beginnt er zu erzählen und zu gestikulieren. Ich lausche und blicke, blicke und lausche. Nach nur einer kurzen Weile höre ich es fürchterlich knacken – mein Kiefer bei dem Versuch den Mund zu schließen.
»Wie bitte? Ich soll was?« Mit eiliger Drehbewegung pule ich meinen Zeigefinger ins Ohr. Der Öpsilon guckt mich mit einer Mischung aus Überraschung und Entgeisterung an. Ebenso die Melanie.
»Moment … ich meine …«, ich versuche Souveränität zurück zu erlangen. »Hier geht es die ganze Zeit nicht um den Dreh eines Werbefilms?« Aus dem Augenwinkel entdecke ich hektische Flecken, die sich über meinen Arm ziehen.
»Werbespot? Was denn für ein Werbespot? Nein, nein.« Mit ruhiger Hand greift Öpsilon über den Tisch und blickt mir fragend ins Gesicht: »Käffchen?« Dann erzählt er weiter, als ob er übers Wetter reden würde. »Die Sache ist, ich bin Filmproduzent. Pornofilme. Mit Niveau versteht sich. Die Melanie ist Darstellerin. Bestes Pferd im Stall. Sie spielt die Sekretärin, ist aber keine.«
Ich suche nach einem fetten, goldenen Schneidezahn in seinem geölten Mackergrinsen und komme nur schwer aus dem Staunen raus. Ich staune und staune immer noch, als er beginnt, aus dem Nähkästchen zu plaudern, als sei er bereits 200 Jahre im Geschäft. Irgendwann meldet sich die Melanie zu Wort:
»Jonas«, tropft es ihr wie Sirup von ihren Lippen. »Die Kandidaten vor dir waren nicht halb so attraktiv wie du. Die waren echt nichts. Mit denen haben wir nicht mal Probeaufnahmen gemacht. Du aber hast was. Auf dich würde ich mich schon sehr freuen …«
Verlegenheit umarmt mich wie die Mutter ihr Kind und ich versuche zu rekapitulieren, in was für einer Situation ich stecke. In einer Guten? In einer Schlechten? Ich überlege, was für ein Ausmaß eine mögliche Zustimmung mit sich bringen könnte. Umgehend schnappe ich mir einen gedachten Zettel und kritzle mit aufgeregtem Stift auf ihm herum: PRO vs. KONTRA.
Verstoß aus der Familie? Eher nicht. Würde mich stark wundern, sollte es überhaupt einer von denen mitbekommen. 1:0 für Pro. Die Melanie selbst? 2:0. Meine Eier überlegen angestrengt weiter und mit einem Mal kommt mir Lisa von Gabert wieder in den Sinn. 3:0. Endstand!
Meine Antwort drückt sich wie Sodbrennen die trockene Kehle hinauf. »Okay, ich mache es!«, platzt es aus mir heraus. »Doch da gibt es noch ein kleines Problem …«
Die Melanie und Herr Öpsilon gucken überrascht. »Und das wäre?«, kommt es im zweistimmigen Kanon zurück.


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Auszug aus »aufgeschluckt!« eBook - ISBN 978-3-8476-8525-8